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Der verlorene Playoff-Final gegen den SC Bern hat dem EV Zug vor Augen geführt, dass er trotz grossen Fortschritten und einer insgesamt erfolgreichen Saison immer noch ein Stück von Meisterehren entfernt ist. Welche Lehren können aus der neuerlichen Finalniederlage gegen die Hauptstädter gezogen werden?

Der SCB konnte sich auf seine zahlreichen Schlüsselspieler verlassen. Neben Topscorer Arcobello ragten beispielsweise Muršak und Scherwey heraus.
PHOTOPRESS / Alessandro della Valle

Nach einem vielversprechenden Auftakt und dem Break in der ersten Partie ist der EVZ mit vier Niederlagen en suite auf dem harten Boden der Realität gelandet. Das Verdikt von 4:1-Siegen für die Berner spiegelt die Kräfteverhältnisse auf dem Eis freilich nur bedingt wider. So waren drei der fünf Begegnungen äusserst umstritten und hätten ebenso gut auf Zuger Seite kippen können. Ebenso darf bei der Analyse vom – im Nachhinein wohl vorentscheidenden – Spiel 4 nicht ignoriert werden, dass mehrere umstrittene Entscheide des Schiedsrichterquartetts zugunsten des SCB ausgefallen sind. In einer engen Partie sind solche Entscheide besonders fatal und brutal. Dennoch tun die Verantwortlichen und Akteure des EVZ gut daran, die Gründe für die Finalniederlage in ihrem Spiel zu suchen. Denn es entspricht durchaus der Logik, dass sich der SC Bern zum letztlich verdienten Meister krönen lassen durfte – weil er in den meisten entscheidenden Momenten eine Spur abgeklärter war und auf den meisten Positionen Vorteile aufweisen konnte.

Die unvermeidliche Torhüter-Frage

Bereits vor der Serie war klar, dass der SC Bern auf der Torhüterposition Vorteile aufweisen würde – diese haben sich auf dem Eis bewahrheitet. Leonardo Genoni hat mit einer brillanten Abwehrquote von 94,56 Prozent an gehaltenen Schüssen seinen Antipoden Tobias Stephan, der eine Quote von 90,43 Prozent aufweisen konnte, ausgestochen. Der beträchtliche Unterschied der Fangquoten lässt sich mit der viel höheren Quantität an Schüssen der Zuger erklären. Die Finalniederlage Zugs kann allerdings nicht in erster Linie dem Torhüter angelastet werden. Einerseits hat Stephan solide gehalten. So hat er beispielsweise Schüsse aus dem Slot erfolgreicher abwehren können als Genoni (87,80 gegenüber 86,84 Prozent). Anderseits hat der EVZ in den letzten vier Partien nurmehr fünf Treffer erzielt, wobei dies nicht nur mit den Leistungen Genonis zusammenhängt, sondern vor allem mit dem erlahmten Offensivspiel der Zuger.

Tobias Stephan konnte sich in Zug nicht zum Meister krönen lassen - doch ist er nicht der Sündenbock.
PHOTOPRESS / Peter Schneider

Zu wenig Verkehr vor Genoni

Die offensive Impotenz des EVZ hat verschiedene Gründe. Einerseits hängt sie mit der Qualität der Schusspositionen und der damit verbundenen geringeren Schusseffizienz zusammen, anderseits mit der weniger ausgeprägten Tiefe im Lineup. Die Zuger produzierten insgesamt zwar mehr Schüsse als der SCB (29,60 gegenüber 23,40 Schüssen pro Partie), doch aus der gefährlichsten Zone, dem Slot, insgesamt weniger als die Berner (7,80 gegenüber 8,20 Schüssen pro Partie, beides verhältnismässig sehr tiefe Werte). Die Berner Defensive konnte also wie erwartet die Zone vor dem eigenen Torhüter konsequent abriegeln und die Zuger Schützen auf weniger gefährliche Positionen abdrängen. Umso wichtiger wäre es gewesen, vor dem gegnerischen Tor für Verkehr zu sorgen, Genoni die Sicht zu nehmen und eigene Schüsse abzulenken. Im Gegensatz zum SCB – siehe die ersten beiden Treffer des SCB in Spiel 3 – ist dies dem EVZ zu wenig oft gelungen.

SCB mit mehr Breite im Kader

In den vier verlorenen Partien sind dem EVZ nur noch zwei Treffer bei numerischem Gleichstand gelungen, dem SCB deren acht, wobei die beiden Empty Netter bei der folgenden Analyse nicht mehr berücksichtigt werden. Aufschlussreich ist ein Blick auf die Torschützen. Die beiden nominellen Top-Linien (Klingberg-Roe-Everberg und Martschini-Flynn-Suri respektive Ruefenacht-Arcobello-Moser und Boychuk-Muršak-Ebbett) zeichneten sich zusammen für je drei Treffer (ohne Empty Netter) verantwortlich, weshalb die Differenz bei den nominell dritten, respektive vierten Linien zu suchen ist. Diese haben bei Zug in der gesamten Serie nur einen Treffer, den Gamewinner Yannick-Lennart Albrechts in der ersten Partie, beigesteuert. Dieser war übrigens neben Lino Martschini der einzige Schweizer, der beim EVZ gebucht hat (beim SCB: Gaëtan Haas mit vier, Simon Moser, Grégory Sciaroni, Tristan Scherwey und Eric-Ray Blum mit je einem Treffer).

Gaëtan Haas hatte nach seiner Rückkehr im zweiten Finalspiel mit 4 Treffern massgeblichen Anteil am SCB-Titel.
Robert Hradil / RvS.Media

Beim SCB steuerten die dritte und vierte Linie insgesamt drei Treffer bei. Ein Blick auf das Personal mag diese Tatsache erklären. Beim SCB führen mit Scherwey und Haas zwei Nationalspieler die Linien an, die ihre Mitspieler besser machen. Im Hinblick auf die kommende Saison wird es spannend zu beobachten sein, ob es Zugs Headcoach Dan Tangnes nach der Verpflichtung von Grégory Hofmann, der diese Saison in Lugano ohne Top-Center ausgekommen ist, gelingen wird, seine Stars so auf drei Linien zu verteilen, um auch den SC Bern mit einer qualitativ starken und noch breiteren Offensive unter Druck zu setzen.

Hinsichtlich der abgelaufenen Finalserie und angesichts seiner schwächer bestückten dritten und vierten Linien stellt sich die Frage, weshalb der Coach seine Top-Spieler nicht stärker forciert hat. Im Vorfeld der Finalserie wurde es als grosser Vorteil für die Zuger gehandelt, dass sie – und insbesondere ihre Top-Spieler – über mehr Erholung als ihre Finalgegner verfügen würden. Diesen Vorteil konnten die Zuger im Final nie ausspielen. Vielleicht hätte es sich gelohnt, wenn Tangnes spätestens ab der dritten Partie seine ersten beiden Linien etwas stärker forciert hätte. Nach dem ziemlich konsequenten Vierlinienhockey während der Qualifikation und den ersten beiden Serien wäre im Final der richtige Zeitpunkt dafür gewesen. Dies betrifft nicht nur die Stürmer, sondern auch die Verteidiger, in welcher der so wichtige Raphael Diaz pro Partie über drei Minuten weniger Eiszeit als der Marathon-Mann der Finalserie, Ramon Untersander, erhielt (20:49 gegenüber 24:05 Minuten).

Lino Martschini wusste auch im Playoff-Final zu überzeugenhätte ihn Coach Tangnes stärker forcieren sollen?
PHOTOPRESS / Alexandra Wey

Powerplays ermöglichen Bern Führung

Bei den Special Teams konnte der SCB ebenfalls Vorteile aufweisen. Aus 16 Überzahlmöglichkeiten erzielte die Equipe von Kari Jalonen fünf Treffer, während die Zuger vier von 17 Powerplays ausnutzen konnten. Mit anderen Worten: Die Zuger mussten weniger oft in Unterzahl agieren als die Berner. Dennoch hätten die Zentralschweizer noch disziplinierter auftreten können – und müssen. In sämtlichen Partien gingen die Berner zuerst in Führung – immer dank eines Powerplay-Treffers, ausser in der zweiten Begegnung, als sie kurz nach Ablauf einer Zuger Strafe einnetzten. Drei dieser fünf Strafen haben die Zuger in der offensiven Zone genommen. Diese unnötigen Strafen und die Berner Kaltblütigkeit zum für sie richtigen Zeitpunkt haben sich als fatal erwiesen – weil es gegen kein anderes Team der Liga so kräfteraubend ist, einen Rückstand aufzuholen. Auch im Powerplay konnte der SCB seine Kaderbreite ausspielen. So erzielte die nominell zweite Formation um Haas drei Treffer, während beim EVZ alle Treffer auf das Konto der ersten Formation gingen.

Lehrstück für Tangnes und seine Mannschaft

Noch ein letztes Wort zu den Coaches. Berns Kari Jalonen hat seine Erfahrung und Gewieftheit als vierfacher finnischer und einmaliger Schweizer Meister eindrücklich in die Waagschale geworfen. Der Finne zog die richtigen Lehren aus dem passiven Auftritt in der ersten Partie und setzte die Ressourcen seines hervorragend bestückten Kaders so ein, dass seine Mannschaft die unaufhaltsam scheinenden Zuger zuerst bremsen, dann endgültig stoppen konnte. Ein wahres Meisterwerk des 59-Jährigen, der nach Paul-André Cadieux und Bill Gilligan als dritter Coach den SCB mehrmals zum Meistertitel geführt hat. Auf der anderen Seite hat Tangnes in seinem ersten Playoff-Final kein probates Mittel gefunden, um sein Team auf die Erfolgsspur zurückzuführen. Angesichts seiner beeindruckenden Arbeit in seiner ersten Saison in der Schweiz darf davon ausgegangen werden, dass der 40-Jährige die richtigen Schlüsse daraus ziehen wird. Er und sein junges Team haben in dieser Saison und dem Final mehrmals angedeutet, dass sie die Phalanx der Titanen durchbrechen können. Ab der nächsten Saison und mit Unterstützung des Berner Meistertorhüters wird das Gelingen dieses Unterfangens der Massstab sein, an dem sich die Zuger messen lassen müssen.

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