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NHL Observer

Die grosse Zeit der legendären Trashtalker wie Sean Avery, Claude Lemieux, Jeremy Roenick oder Rob Ray (genannt "Motormouth", weil er während der Partien unablässig redete und lästerte) ist zwar vorbei. Aber es gibt sie noch immer, die Trashtalker - auch 2026. Nur anders...

In den Playoffs schlägt die Stunde der Trashtalker. Besonders wenn Druck, Müdigkeit und mediale Aufmerksamkeit zunehmen, können Wörter oder Verhaltensmuster die Spieldynamik beeinflussen. Ein kleiner Kommentar an der Bande. Ein provokatives Grinsen nach einem Check. Eine Bemerkung beim Bully - die besten Trashtalker agieren kontrolliert und gezielt. Und sie können sogar das Momentum während einer Serie kippen lassen. Wer den Gegner emotional destabilisiert, verschafft sich in den Stanley-Cup-Playoffs einen kleinen, aber oft entscheidenden Vorteil.

Kognitive Überlastung als Ziel

Psychologisch funktioniert Trashtalk deshalb so gut, weil Eishockey ein Emotionssport ist. Die Spieler bewegen sich permanent in einem Zustand maximaler Aktivierung, die Aufmerksamkeit ist dauerhaft unter Spannung. Bereits kleine emotionale Irritationen können Konzentration, Entscheidungsqualität und Disziplin beeinflussen. Die Sportpsychologie spricht dabei von kognitiver Überlastung. Der Spieler beschäftigt sich plötzlich nicht mehr ausschliesslich mit dem Spiel, sondern zusätzlich mit mentalen Einflüssen. Nicht selten entsteht daraus sogar eine paradoxe Dynamik, denn manche Spieler nutzen Trashtalk, um emotional in eine Playoff-Serie hineinzufinden. Provokation wird dann zum eigenen Motor. Gerade die grossen Rivalitäten wie die Montreal Canadiens gegen Boston Bruins oder die New York Rangers gegen New Jersey Devils lebten über Jahrzehnte auch von diesen psychologischen Nebenschauplätzen. 

Emotionelle Spannung als Motor

Aktuell noch in den Playoffs ist beispielsweise Josh Anderson (Montreal) einer, der es versteht, die psychologischen Mittel effizient einzusetzen. Seine Wirkung entfaltet sich in seiner Spielweise, die für die Gegenspieler als störend empfunden wird. Er ist ein schneller “In Your Face“-Spieler, der auch in kleinen Szenen nach dem Pfiff, mit langen Blicken, zusätzlichen Crosschecks oder kurzen Kommentaren die Gegner provoziert. Auch Jakub Dobeš (ebenfalls Montreal) sorgt für Diskussionsstoff. Denn der junge Goalie strahlt nicht nur eine provokative Ruhe aus nach wichtigen Saves. Bei viel Traffic vor dem Crease spielt er bewusst mit seiner Körpersprache und beschwert sich. Und bei Toren seiner “Habs“ jubelt er zuweilen provokativ vor den gegnerischen Spielern. Auch Brandon Hagel und Corey Perry (Tampa) verstehen es hervorragend, emotionale Spannung in einer Serie konstant hochzuhalten. 

Doch Trashtalk findet nicht nur zwischen Spielern statt. Auch Trainer greifen seit Jahrzehnten zu psychologischen Mitteln. Besonders bekannt ist John Tortorella, aktuell Chefcoach der Vegas Golden Knights, für seine verbalen Attacken und Pressekonferenzen mit einer direkten Konfrontationsstrategie. Ganz subtil waren die Messages in Runde 2 zwischen Lindy Ruff (Buffalo) und Martin St. Louis (Montreal), als beide indirekt und leicht verklausuliert die Medien mit Botschaften versorgten.

Eine aussterbende Spezies?

Zu den berüchtigtsten Trashtalk-Meistern der letzten 20 bis 30 Jahre gehört ohne Zweifel Sean Avery. Der frühere NHL-Stürmer machte provokative Verhaltensmuster praktisch zu seinem Branding. Legendär wurde seine Aktion 2008 gegen Martin Brodeur in den Playoffs zwischen den New York Rangers und den New Jersey Devils. Avery stellte sich nicht einfach vors Tor, sondern drehte dem Spiel den Rücken zu und fuchtelte Brodeur provozierend mit Händen und Stock direkt vor dem Gesicht herum. Die NHL reagierte danach sogar mit einer Regelanpassung – der sogenannten «Avery Rule».

Spieler wie Sean Avery wären in der heutigen Liga kaum mehr in derselben Form möglich. Das hat mehrere Gründe – sportliche, wirtschaftliche und kulturelle: Erstens ist die NHL deutlich schneller und skillorientierter geworden. Früher konnten Spieler mit einer klaren Agitator-Rolle relativ problemlos einen festen Platz im Lineup halten. Heute müssen praktisch alle vier Linien Tempo, Forechecking, Transition und defensives Systemspiel beherrschen. Ein Spieler, der primär provoziert, aber spielerisch limitiert ist, verliert schneller seinen Wert. Coaches tolerieren weniger unnötige Strafen und weniger Ablenkung vom Spielsystem.

Zweitens hat sich die öffentliche Wahrnehmung verändert. In der Ära von Avery oder auch Claude Lemieux entstanden viele Geschichten nur innerhalb der Hockeywelt. Heute wird jede Szene sofort auf Social Media verbreitet, analysiert und bewertet. Die NHL achtet deshalb viel stärker auf ihr Image. Die Liga möchte ihre Stars heute eher als globale Athleten und Marken positionieren – nicht als reine Provokateure.

Drittens haben sich auch die Spieler selbst verändert. Die heutige NHL-Generation ist professioneller, medial geschulter und psychologisch kontrollierter. Viele Spieler trainieren Mentalcoaching, Medienarbeit und emotionale Stabilität inzwischen fast so konsequent wie Kraft oder Skating. Dadurch verlieren klassische Provokationen oft an Wirkung. Was früher eine ganze Serie emotional eskalieren liess, verpufft heute häufiger.

Trashtalk existiert aber weiterhin – nur subtiler. Heute läuft psychologische Kriegsführung oft über Körpersprache, kleine Kommentare, Interviews oder gezielte mediale Aussagen. Spieler wie Matthew Tkachuk oder Brad Marchand verkörpern diese modernere Version des Agitators. Weniger Theater. Weniger offene Eskalation. Aber weiterhin maximal darauf ausgelegt, im Kopf des Gegners präsent zu sein.

Joël Ch. Wuethrich publiziert wöchentlich Hintergrundberichte über die NHL in der führenden Deutschen Fachpublikation Eishockey News und hat ein ausgezeichnetes Beziehungsnetz in Nordamerika. Seit 1992 ist er Chefredaktor diverser namhafter Publikationen, unter anderem auch war er beim Slapshot sowie beim Top Hockey Chefredakteur und war zudem lange Jahre für den Spengler Cup strategisch in Marketing und PR sowie als Chefredaktor tätig. Joël Ch. Wuethrich leitet seit 1992 hauptberuflich eine crossmedial aufgestellte PR-Agentur und eine Player's Management Agentur (Sportagon), ist Crossmedia-Stratege und HF-Dozent mit Lehrauftrag für Kommunikation und Marketing. Er analysiert seit 30 Jahren als Autor/Chefredakteur in der Schweiz, Deutschland sowie in Kanada die NHL und beobachtet das Eishockeygeschehen weltweit intensiv. Der Familienvater (zwei Kinder) arbeitet in der Schweiz und in Montréal, wo ein grosser Teil seiner Verwandtschaft wohnt.

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