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NHL Observer

Vor knapp 50 Jahren ereignete sich im altehrwürdigen Maple Leaf Gardens von Toronto etwas, was sich wohl nie mehr in der NHL wiederholen wird: Am 7. Januar 1976 hat der legendäre Darryl Sittler, Captain der Toronto Maple Leafs, beim 11:4-Sieg gegen die Boston Bruins nicht weniger als zehn Skorerpunkte erzielt. Sechs Tore, vier Assists – Zahlen, die auch ein halbes Jahrhundert später wie ein statistischer Übertragungsfehler wirken. 

Besonders das zweite Drittel dieses legendären Spiels, in dem er an neun Toren direkt beteiligt war, blieb in Erinnerung. Dass ein Spieler innerhalb von zwanzig Minuten nahezu ein komplettes Spiel allein entscheidet, war selbst damals eine Ausnahme. In der heutigen NHL wäre ein solches Ereignis wohl undenkbar.

Eine andere Ära - Einzelleistungen entschieden Spiele 

Der Abend von Toronto steht aber exemplarisch für eine Ära, in der individuelle Brillanz stärker durchschlagen konnte als heute. Aber auch in den 1970er-Jahren gab es defensive Strukturen, robuste Gegenspieler und herausragende Torhüter. Entscheidend war vielmehr Sittlers Spielintelligenz: sein Gespür für Räume, sein präziser Abschluss aus der Halbdistanz und seine Fähigkeit, Mitspieler im richtigen Moment einzusetzen. Der Rekord ist also kein Zufall.

Der Vorgänger von Gretzky und Crosby

Darryl Sittler war damals 25 und dominierte das Geschehen in der NHL vergleichsweise so, wie es Sidney Crosby in seinen besten Jahren tat. Denn wenn man Sittlers Spiel aus heutiger Perspektive verstehen will, führt der naheliegendste Vergleich über seine Spielkontrolle, Übersicht und Verantwortungsbewusstsein. In diesem Sinn ist Sidney Crosby der wohl stimmigste moderne Referenzpunkt. Beide Spieler verkörpern einen Stil, der weniger auf maximale Geschwindigkeit als auf maximale Wirkung ausgelegt ist. Sittler war ein Center, der das Spiel las und lenkte und Puckschutz, Timing und Entscheidungsqualität neu definierte. Statistisch lassen sich die Unterschiede der Epochen aber kaum sinnvoll angleichen.

Nicht einmal "The Great One“ schaffte eine solche Einzelleistung

Der "Blick" auf vergleichbare Rekorde zeigt, wie isoliert Sittlers Leistung bis heute steht. Wayne Gretzky kam in seiner Karriere viermal auf acht Punkte in einem Spiel. Mario Lemieux gelang 1988 ein Spiel mit fünf Toren in fünf verschiedenen Spielsituationen. In der Frühzeit der NHL wiederum setzten Spieler wie Maurice Richard Massstäbe in anderen Dimensionen, etwa mit 50 Toren in 50 Spielen, doch auch sie blieben in Einzelspielen deutlich unter zehn Punkten.

Je näher man sich der Gegenwart nähert, desto deutlicher wird die Singularität des Rekords. In der hoch strukturierten NHL der 2010er- und 2020er-Jahre sind Spiele mit sechs Skorerpunkten bereits eine Sensation. Selbst Ausnahmespieler der Gegenwart, die das Spieltempo und die Offensivkraft neu definiert haben, bewegen sich statistisch in engeren Korridoren. Videoanalyse, Rollendisziplin, athletische Verteidiger und ausgeglichene Kader lassen individuelle Explosionen kaum mehr zu.

So ist Darryl Sittlers Zehn-Punkte-Abend mehr als eine historische Randnotiz. Er markiert einen Fixpunkt der NHL-Geschichte. Fünfzig Jahre später steht dieser Rekord nicht nur unangetastet da, sondern wirkt vielleicht unüberwindbarer denn je.

Ein legendäres Jersey auf Irrwegen

Auch das Trikot, das Darryl Sittler bei seinem historischen Zehn-Punkte-Spiel am 7. Januar 1976 trug, besitzt eine aussergewöhnliche Geschichte. In den 1970er-Jahren war es nicht unüblich, dass Matchtrikots nach ihrem Einsatz nicht systematisch archiviert wurden. Das Original-Jersey dieser Partie wurde von Sittler selbst nicht aufbewahrt und befand sich über Jahrzehnte hinweg nicht in öffentlichen Sammlungen oder offiziellen NHL-Archiven. Über weite Strecken galt das Trikot sogar als verschollen. Erst viele Jahre später tauchte es im Sammlerumfeld wieder auf und wurde als authentisches Matchworn-Trikot aus der Saison 1975/76 eingeordnet. Die genaue Besitzgeschichte lässt sich nicht lückenlos rekonstruieren, gesichert ist jedoch, dass das Jersey über längere Zeit ausserhalb institutioneller Archive unterwegs war. Aufgrund der Einzigartigkeit von Sittlers Zehn-Punkte-Abend zählt dieses Trikot heute zu den bedeutendsten bekannten Einzelstücken der NHL-Geschichte. Es steht sinnbildlich für einen Rekord, der bis heute unerreicht ist und dessen historische Dimension weit über statistische Vergleiche hinausgeht. Im Rahmen einer Ehrung anlässlich des 50-Jahr-Jubiläums von Sittlers Rekordnacht, wurde das Trikot im Stadion in Toronto an Sittler überreicht. Die Übergabe verlieh dem Jersey endgültig seinen Platz als eines der bedeutendsten Einzelstücke der NHL-Geschichte – als materielles Zeugnis eines Rekords, der bis heute unerreicht ist.

Darryl Sittler - eine Legende 

Auch jenseits dieses historischen Spiels hinterliess Darryl Sittler nachhaltige Spuren in den Geschichtsbüchern der Toronto Maple Leafs. Seine beste Torquote erreichte er in der Saison 1977/78 mit 45 Treffern. Über viele Jahre war er das offensive Zentrum eines Teams, das sportlich oft hinter den eigenen Ansprüchen zurückblieb. Mit über 450 NHL-Toren und mehr als 1’000 Skorerpunkten zählt Sittler bis heute zu den prägenden Figuren der Franchise-Geschichte.

Joël Ch. Wuethrich publiziert wöchentlich Hintergrundberichte über die NHL in der führenden Deutschen Fachpublikation Eishockey News und hat ein ausgezeichnetes Beziehungsnetz in Nordamerika. Seit 1992 ist er Chefredaktor diverser namhafter Publikationen, unter anderem auch war er beim Slapshot sowie beim Top Hockey Chefredakteur und war zudem lange Jahre für den Spengler Cup strategisch in Marketing und PR sowie als Chefredaktor tätig. Joël Ch. Wuethrich leitet seit 1992 hauptberuflich eine crossmedial aufgestellte PR-Agentur und eine Player's Management Agentur (Sportagon), ist Crossmedia-Stratege und HF-Dozent mit Lehrauftrag für Kommunikation und Marketing. Er analysiert seit 30 Jahren als Autor/Chefredakteur in der Schweiz, Deutschland sowie in Kanada die NHL und beobachtet das Eishockeygeschehen weltweit intensiv. Der Familienvater (zwei Kinder) arbeitet in der Schweiz und in Montréal, wo ein grosser Teil seiner Verwandtschaft wohnt.

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