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NHL Observer

Als sich die Paarung des Stanley-Cup-Finals 2026 anbahnte und schliesslich auch feststand, hielten viele Medienverantwortliche, Sponsoren und Fernsehsender den Atem an. Mit den Carolina Hurricanes und den Vegas Golden Knights standen sich zwar zwei sportlich starke Teams gegenüber, gleichzeitig aber haben diese ausserhalb ihrer Heimatmärkte nur eine begrenzte nationale Anziehungskraft. Aber: Trotz "Albtraum-Finalserie" überraschte der Stanley-Cup-Final 2026 mit starken US-Quoten. Diese jedoch müssen differenziert betrachtet werden. 

Es wäre so schön gewesen: Eine Finalserie Montreal gegen Colorado. Denn die zwei anderen Conference-Finalisten sind zwei grosse Traditionsmärkte mit einer landesweiten Fan-Community, welche für maximale Aufmerksamkeit und gute Vermarktungszahlen sorgen. Und jetzt spürt man vor allem in Kanada einen Einbruch des Interesses. Und dies nicht nur wegen der Fussball-Heim-WM. Noch bis in die Conference Finals hinein hatten zahlreiche Fans und Medien auf eine Beteiligung der Montréal Canadiens gehofft. Die Canadiens hätten als drittgrösster Hockeymarkt mit nationaler Identifikation enorme Einschaltquoten garantiert und eine entsprechend grosse Vermarktungskraft.

Der NHL-Konsumanreiz in den USA unterscheidet sich deutlich von jenem in Kanada

Die tatsächliche Entwicklung der US-Zuschauerzahlen zeichnet jedoch ein überraschendes Bild. Die Finalserie findet erstaunlichen Anklang. Gemäss ESPN und ABC erreichten die ersten vier Spiele der Finalserie durchschnittlich 5.0 Millionen Zuschauer. Damit handelt es sich um die in den USA meistgesehene Stanley-Cup-Finalserie nach vier Spielen seit den Finals zwischen Chicago und Tampa Bay im Jahr 2015 sowie zwischen Pittsburgh und Nashville im Jahr 2017. In der Spitze schalteten sich beispielsweise in Spiel 4 sogar 6.4 Millionen Zuschauer gleichzeitig ein. Die Stanley-Cup-Finals 2025 zwischen Edmonton und Florida erreichten in den USA durchschnittlich lediglich 2.55 Millionen Zuschauer pro Partie. Die Finalserie 2024 kam auf durchschnittlich 4.17 Millionen Zuschauer. Colorado gegen Tampa Bay erreichte 2022 durchschnittlich 4.60 Millionen Zuschauer. Carolina gegen Vegas liegt damit trotz der vermeintlich unattraktiven Ausgangslage auf einem guten Niveau. Allerdings müssen diese Zahlen differenziert betrachtet werden. Der spektakuläre Anstieg gegenüber 2025 erklärt sich teilweise dadurch, dass die Spiele damals auf TNT übertragen wurden, während die aktuelle Serie auf dem frei empfangbaren Sender ABC läuft. 

Der Hauptgrund für das Interesse in den USA liegt in der sportlichen Qualität und Spannung der Finalserie. Diese bietet jene Zutaten, welche Fernsehsender und Streamingplattformen bevorzugen: knappe Resultate, Führungswechsel, Verlängerungen und spektakuläre Wendungen. Mehrere Spiele wurden erst in den Schlussminuten oder in der Overtime entschieden.

Kanada: Fehlende emotionale Bindung zu den Finalteams

In Kanada jedoch fehlt vielen Zuschauern die emotionale Bindung zu den beiden Finalisten. Medien wie The Hockey News sprechen von einer der am wenigsten beachteten Stanley-Cup-Finalserien der jüngeren Vergangenheit. Weder Carolina noch Vegas verfügen über historische Bedeutung oder eine landesweite Fangemeinde. Wie gross der Unterschied zwischen Reichweite und wirtschaftlicher Strahlkraft sein kann, zeigt der Vergleich mit dem Stanley-Cup-Final 2024: Damals trafen die Edmonton Oilers auf die Florida Panthers. Allein das entscheidende Spiel 7 verfolgten durchschnittlich 7.55 Millionen Kanadier. Sportsnet erreichte rund 15 Millionen Menschen und verzeichnete damit die höchste Reichweite seiner Geschichte. Die Serie dominierte die nationale Berichterstattung, sorgte für Rekordwerte bei Social Media, Merchandising und Sponsoring und entwickelte sich weit über den Sport hinaus zu einem gesellschaftlichen Ereignis.

Dieser Vergleich zwischen dem US-Markt und jenem in Kanada macht zeigt, dass der Vermarktungshebel nicht überall so greift, wie wenn ein Traditionsteam mit grosser Fangemeinde dabei ist.  

Intensität der Markenbindung geringer als bei Finalserien mit traditionellen Grossmärkten

Fazit: Reichweite allein bedeutet noch keine maximale Wertschöpfung. Beliebte und traditionelle Hockeymärkte generieren nicht nur hohe Zuschauerzahlen. Sie sorgen auch für stärkere Medienpräsenz, höhere Merchandising-Umsätze, grössere Social-Media-Reichweiten, höhere Sponsoringerlöse und eine wesentlich breitere nationale Diskussion. Für Sponsoren und Werbepartner macht dies einen erheblichen Unterschied. Die Reichweite mag hoch sein, die Intensität der Markenbindung bleibt jedoch geringer als bei Finalserien mit traditionellen Grossmärkten. Carolina gegen Vegas ist weder der befürchtete Quotenflop noch der grosse Vermarktungserfolg. Die Serie ist vielmehr ein Lehrstück darüber, wie unterschiedlich die Märkte in Kanada und den USA funktionieren. 

Joël Ch. Wuethrich publiziert wöchentlich Hintergrundberichte über die NHL in der führenden Deutschen Fachpublikation Eishockey News und hat ein ausgezeichnetes Beziehungsnetz in Nordamerika. Seit 1992 ist er Chefredaktor diverser namhafter Publikationen, unter anderem auch war er beim Slapshot sowie beim Top Hockey Chefredakteur und war zudem lange Jahre für den Spengler Cup strategisch in Marketing und PR sowie als Chefredaktor tätig. Joël Ch. Wuethrich leitet seit 1992 hauptberuflich eine crossmedial aufgestellte PR-Agentur und eine Player's Management Agentur (Sportagon), ist Crossmedia-Stratege und HF-Dozent mit Lehrauftrag für Kommunikation und Marketing. Er analysiert seit 30 Jahren als Autor/Chefredakteur in der Schweiz, Deutschland sowie in Kanada die NHL und beobachtet das Eishockeygeschehen weltweit intensiv. Der Familienvater (zwei Kinder) arbeitet in der Schweiz und in Montréal, wo ein grosser Teil seiner Verwandtschaft wohnt.

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