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NHL Observer

Die Toronto Maple Leafs machen ihrem Ruf als Drama-Queen der NHL immer wieder alle Ehre. Auch heuer wieder, als innerhalb weniger Tage die gesamte Palette der Emotionen mal wieder die Leafs Nation durchschüttelte.

Die Ernennung von John Chayka zum neuen General Manager der Toronto Maple Leafs hat in Toronto eine bemerkenswert heftige Reaktion ausgelöst. Nicht nur in der NHL- und Maple-Leafs-Bubble, sondern auch innerhalb der kanadischen Hockeyöffentlichkeit wurde die Entscheidung teilweise als Risiko für die Glaubwürdigkeit der gesamten Organisation bezeichnet. Die Kritik richtet sich dabei weniger gegen analytische Ansätze oder moderne Managementmodelle an sich, sondern gegen Chaykas Vergangenheit und Arbeitsweise. Dessen abrupte Trennung von den Arizona Coyotes im Jahr 2020 und die Frage, weshalb ausgerechnet er den prestigeträchtigsten Job im kanadischen Hockey erhalten hat, bewegte die NHL-Community.

Ein Blender für den prestigeträchtigsten Job der NHL?

Die Irritationen entstanden vor allem deshalb, weil Chayka in Arizona trotz seines Images als innovativer GM nie nachhaltig sportlichen Erfolg vorweisen konnte. Hinzu kam seine spätere Suspendierung durch die NHL wegen Regelverletzungen rund um den NHL-Combine-Prozess. Genau diese Vergangenheit wurde an der offiziellen Medienkonferenz in Toronto ungewöhnlich offensiv thematisiert. Der einflussreiche Toronto-Sun-Reporter Steve Simmons sprach sogar davon, dass zahlreiche NHL-Insider Chayka als Blender und Salesman denn als klassischen Hockeymanager betrachten würden. 

Besonders brisant ist die Diskussion deshalb, weil es bei den Maple Leafs nicht nur um einen gewöhnlichen NHL-Club geht. Hinter der Organisation steht mit Maple Leaf Sports & Entertainment eines der mächtigsten Sport- und Entertainmentkonglomerate Nordamerikas. MLSE kontrolliert neben den Toronto Maple Leafs auch die Toronto Raptors, Toronto FC, die Toronto Argonauts sowie zahlreiche Arena-, Medien- und Immobilienbeteiligungen rund um den Profisport. Nach der Übernahme der Bell-Anteile durch Rogers Communications im Jahr 2025 hält Rogers 75 Prozent an MLSE. Die restlichen 25 Prozent liegen weiterhin bei Larry Tanenbaum beziehungsweise dessen Holding Kilmer Sports, an der wiederum der Pensionsfonds OMERS indirekt beteiligt ist. Damit ist die Wahrnehmung der Maple Leafs unmittelbar mit der Reputation eines milliardenschweren Sport- und Mediennetzwerks verbunden.

Chayka hatte niemand der Fachleute auf der Favoritenliste

Gerade deshalb verstanden viele Beobachter nicht, weshalb MLSE nicht auf Kandidaten mit stabilerer Reputation setzte. Mehrere Kandidaten galten intern wie extern als fachlich ebenso modern, aber deutlich weniger kontrovers. So gehörten Scott White, Assistant GM der Dallas Stars, Ryan Martin, Associate GM der New York Rangers, sowie zeitweise Evan Gold von den Boston Bruins zum engeren Kandidatenkreis. Am Ende verdichtete sich die Entscheidung offenbar auf Chayka und White – also auf zwei sehr unterschiedliche Profile: hier der umstrittene Ex-GM aus Arizona, dort ein langjähriger, in Dallas gewachsener Manager aus einer stabilen und erfolgreichen Organisation.

Leafs Legende Sundin als Gegenpol

Eine zentrale Rolle bei der Beruhigung der Lage spielt nun Mats Sundin. Der ehemalige Captain der Maple Leafs geniesst in Toronto bis heute hohes Ansehen. Seine Ernennung zum Senior Executive Advisor wird von vielen Fans als bewusstes Gegengewicht zu Chayka interpretiert. Sundin soll Stabilität, Hockeykompetenz, kulturelle Identität und Glaubwürdigkeit verkörpern – also genau jene Werte, die Kritiker bei Chayka infrage stellen. Dass Sundin sogar seinen Lebensmittelpunkt teilweise zurück nach Toronto verlegt, wurde in Kanada als starkes Signal gewertet. 

Rettet McKenna die Glaubwürdigkeit der Leafs?

Zusätzliche Dynamik erhielt die gesamte Situation durch den Gewinn des First Overall Picks im NHL-Draft 2026. Die Maple Leafs gewannen überraschend die Draft-Lottery und besitzen nun erstmals seit Auston Matthews 2016 wieder die Möglichkeit, einen potenziellen Franchise-Spieler an Position eins auszuwählen. Dies wird wohl niemand anders sein als das nächste Generationentalent Gavin McKenna. Dieser Umstand entschärfte die Stimmung zumindest teilweise. 

Aber genau darin liegt nun die enorme Fallhöhe. Sollte Chayka sportlich scheitern, wäre dies nicht bloss ein weiteres Kapitel der langen Playoff-Frustration der Maple Leafs. Es würde auch Fragen zur Governance, zur Entscheidungsstruktur und zur strategischen Urteilsfähigkeit des gesamten MLSE-Konzerns aufwerfen. Und genau deshalb wurde diese Personalie in Kanada weit über den normalen NHL-Alltag hinaus diskutiert.

Joël Ch. Wuethrich publiziert wöchentlich Hintergrundberichte über die NHL in der führenden Deutschen Fachpublikation Eishockey News und hat ein ausgezeichnetes Beziehungsnetz in Nordamerika. Seit 1992 ist er Chefredaktor diverser namhafter Publikationen, unter anderem auch war er beim Slapshot sowie beim Top Hockey Chefredakteur und war zudem lange Jahre für den Spengler Cup strategisch in Marketing und PR sowie als Chefredaktor tätig. Joël Ch. Wuethrich leitet seit 1992 hauptberuflich eine crossmedial aufgestellte PR-Agentur und eine Player's Management Agentur (Sportagon), ist Crossmedia-Stratege und HF-Dozent mit Lehrauftrag für Kommunikation und Marketing. Er analysiert seit 30 Jahren als Autor/Chefredakteur in der Schweiz, Deutschland sowie in Kanada die NHL und beobachtet das Eishockeygeschehen weltweit intensiv. Der Familienvater (zwei Kinder) arbeitet in der Schweiz und in Montréal, wo ein grosser Teil seiner Verwandtschaft wohnt.

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