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Gazzetta Dell'Ambrì

Bis 2019 pfiff Andreas Koch in der National League unzählige Partien. Dann ging er nach Deutschland in die DEL, wo er 2021 seine Karriere als Schiedsrichter beendete. Mit uns schaut er auf diese Zeit zurück und erzählt, welche Ereignisse in Ambrì ihm geblieben sind. 

Heute ist Andreas Koch unter anderem Keynote-Speaker an Firmenanlässen und hat mit "Die Pfeife" seine eigene Marke aufgebaut. Wir fokussieren uns aber natürlich auf seine Erlebnisse als Schiedsrichter in der höchsten Schweizer Eishockeyliga. Beim nicht ganz jungen Ambrì-Tifoso dürfte der 2. Januar 2012 wieder ins Gedächtnis kommen. Koch stand ziemlich am Anfang seiner Laufbahn als Schiedsrichter in der NLA. Man muss wissen, dass damals nur ein Head-Schiedsrichter auf dem Eis stand. Für Ambrì waren bereits zu diesem Zeitpunkt die Top-8 und die Playoffs kaum mehr zu erreichen. Das Spiel stand in der letzten Minute 2:2, aber dann erzielte Petr Taticek 34 Sekunden vor Drittelsende in doppelter Unterzahl das 3:2 für den HCD. 

Mittendrin: Der 29-jährige Andreas Koch. Von den Zuschauern kamen Abfalleimer geflogen, auf dem Eis gab es mit den Spielern beider Seiten lange Diskussionen und am Ende musste Koch unter Polizeischutz die Valascia verlassen. Heute bezeichnet er dieses einschneidende Ereignis als "lebensverändernd. Ich glaube einfach, dass man durch bestimmte Situationen hindurch gehen muss, um daran zu wachsen – auch wenn es im Moment für alle Beteiligten sehr schwierig ist. Diese Situation hat mir im Nachhinein sehr geholfen", sagt Koch, denn gegen Ende seiner Laufbahn hatte er schwere Spiele und Situationen sehr gerne, "weil ich einen Zugang gefunden habe, wie ich das verarbeiten kann". Druck und schwierige Spiele hätten eher dazu geführt, dass er besser wurde. 

Das angesprochene Ereignis war wenig überraschend dasjenige im Zusammenhang mit Ambrì, das ihn am meisten geprägt hat. Er gibt ehrlich und einfühlsam zu: "Die Verarbeitung dieses Erlebnisses war sehr schwierig und brauchte sehr, sehr viel Zeit. Ich habe mich vermutlich auch nie ganz davon erholt – aus hockeytechnischer Sicht, als Schiedsrichter." Als Mensch und Berufstätiger in der heutigen Zeit habe es ihm jedoch sehr stark geholfen, sagt er im gleichen Atemzug retrospektiv.

Von schlechter Kommunikation und zu wenig Spass

Bemängelt wurde vor allem die Kommunikation des jungen Koch: "Durch diese Situation habe ich mir sehr viele Dinge beigebracht und gelernt, die ich ansonsten nicht gelernt hätte, wenn das nicht passiert wäre. Am Ende dieses Lernprozesses habe ich mich anders verhalten und kommuniziert und das hat auch zu einem viel besseren Verhältnis bzw. Resultat geführt", beschreibt er rückblickend das Learning daraus. Etwas schmunzelnd fügt er noch an, dass die Kommunikation ein eminent wichtiger Faktor sei – nicht nur im Eishockey.

Später kam dann das heutige System mit zwei Head-Schiedsrichtern zur Anwendung. "Über diese Einführung war ich nicht nur glücklich, weil man sich nicht mehr so ausleben konnte und die Gefahr bestand, sich hinter dem zweiten Schiedsrichter zu verstecken", sagt Koch etwas überraschend, bestätigt aber, dass es Druck genommen hat. "Später in der deutschen DEL machte es dann fast wieder mehr Spass", gibt er zu, denn da wurde nach dem alten System gepfiffen. 

Man darf nie vergessen, mag ein Spiel noch so hitzig sein: Schiedsrichter sind auch nur Menschen und machen Fehler wie alle anderen auch. Wut und Schimpfwörter mögen kurzzeitig angebracht sein, aber eine gewisse Linie sollte nie überschritten werden. Das alles immer im Bewusstsein, dass es ohne sie diesen wunderschönen Sport nicht geben würde – No Refs, No Game. 

Faszination Eishockey

Aufgewachsen ist Andreas Koch in Wallisellen direkt neben der Eisbahn. "Ich wurde schon sehr früh mit dem Eishockey-Virus infiziert. Seit ich vier war, war ich jede freie Minute dort gewesen und hat sehr viel Zeit auf dem Eis verbracht." Mit 12 wurde ein Freund angefragt, ob er Schiedsrichter werden wolle und da hat Koch dann auch gleich mitgemacht. "So bin ich da reingerutscht." Die Faszination daran sei für ihn, dass man wie ein Dirigent ist. "Man ist nicht der Star, sondern eher im Hintergrund, kann aber sehr viel steuern", beschreibt Koch. "Es ist wichtig ein Gefühl für das Spiel zu gewinnen und seine Linie anzupassen, ob die Partie eher körperbetont oder technisch gespielt wird." Dabei vergleicht er ein Eishockeyspiel mit einem Orchester: "Es ist wie bei einem Dirigenten mit seinem Orchester, wo die Zuschauer mit Gänsehaut nach Hause gehen, falls es harmoniert." Der Umgang mit den Emotionen und dieser Drahtseilakt, dass es für Spieler und Zuschauer zu einem unvergesslichen Erlebnis werde, hat ihn bis heute immer fasziniert und zitiert dabei Al Purdy (kanadischer Dichter): "Eishockey ist eine Mischung aus Ballett und Mord." Dieses Spannungsfeld am Rande des Erlaubten und das Spiel so attraktiv wie möglich zu machen, beeindruckt ihn. 

Der grosse Aufwand für das perfekte Spiel 

Während seiner Schiedsrichter-Karriere ging Koch noch einer beruflichen Tätigkeit nach. Dabei konnte er laut eigenen Aussagen auf die Kulanz eines guten Arbeitgebers zählen. Später war er dann gar selbständig. "So konnte ich mir den Tag recht gut einteilen", betont er. Dabei zieht er die Parallele zu den Spielern. "Es ist wichtig, dass man gut schläft und nicht morgens um 5 aufstehen muss und nach einem harten Tag ans Spiel geht." Er habe versucht länger zu schlafen, spricht die eminent wichtige Ernährung an und manchmal habe es auch als Amateur für ein kleines Warm-up am Vormittag gereicht. "Dazu kamen auch Videoanalysen, wie das die Spieler auch machen. Manchmal gab es Trends, die besprochen wurden." Entweder habe man das allein, in der Gruppe oder über die Schiedsrichterkommission gemacht, führt er weiter aus. "Das hat sehr viel Zeit in Anspruch genommen."

Die Vorbereitung am Spieltag selbst, was bis zu vier in einer Woche sein konnten und 100 in einer Saison, sei immer auch die Koordination der Anreise gewesen. Denn die Paarungen der Schiedsrichter sind immer wieder anders. "Wenn wir zusammen anreisen konnten, konnte man da schon viel besprechen. Ansonsten war die unmittelbare Vorbereitung erst vor Ort", so Koch. Meist habe man sich rund zwei Stunden vor Spielbeginn getroffen und Dinge ausgetauscht und sich körperlich aufgewärmt bis etwa eine Stunde vor dem Spiel. Dann hat man nochmals intensiv über das Spiel gesprochen und sich bereit gemacht. Damit sei es aber nicht getan. Auch in den Pausen, auf der Rückfahrt und im Nachgang gehen die Diskussionen über bestimmte Situationen weiter, um sich ständig verbessern zu können.

Wenn schnelles Vergessen zum Vorteil wird

Eine genaue Zahl, wie viele Stunden er in der Woche aufwendet, kann er nicht beziffern. Denn ab dem Moment des Aufgebots beginnt die Organisation und je nachdem wie viele Einsätze man in der Woche hat, steht die Erholung mehr im Vordergrund als das Training – eine weitere Parallele zu den Spielern. "Im Sommertraining habe ich dafür 6-8 Einheiten à 90 Minuten pro Woche körperlich trainiert. Dann kommt noch das Regelstudium, der Austausch mit anderen Leuten und die mentale Vorbereitung dazu", betont Koch, "den ständigen Prozess. Die Schiedsrichter investieren sehr viel Zeit in die Vor- und Nachbereitung."

Laut einer Studie, in der Spitzenschiedsrichter (aus dem Fussball und Basketball) untersucht wurden, haben sie die Gabe Dinge sehr schnell zu vergessen und den Fokus entsprechend schnell auf die nächste Aktion zu richten. Unverarbeitete Dinge werden nach dem Spiel angeschaut – soweit der wissenschaftliche Ansatz. Koch hatte das Gefühl, dass es ihm gut gelungen ist, abzuschalten, gibt aber zu, dass gewisse Situationen in den Gedanken länger nachhängen. "Es gibt aber Tage, an denen es dir einfach nicht gut geht. Dann gehen dir bestimmte Aussagen oder Erlebnisse einfach näher. Ich hatte zwei bis drei Spiele pro Saison, wo ich einfach empfindlicher war und mir Dinge näher gegangen sind", spricht Koch die Tagesform an – die nächste Parallele zu den Spielern. Dann gelte es Lösungen zu finden, um selber wieder in diesen Fokus zu kommen. "Das geht einfach nicht, dass man zu lange an Dingen herumstudiert."

Zufrieden mit der Umsetzung

In der heutigen Zeit kommt in der National League immer wieder das Thema mit Kameras auf der blauen Linie auf. Dazu kommen Fernsehbilder mit schlechter Qualität, auf deren Grundlage entschieden werden muss. "Diese Videobilder nutzen zu können [auch wenn sie teilweise sehr schlecht sind] und das Zeigen im Stadion nimmt den Druck und schlechte Emotionen aus dem Spiel raus." Die Frage sei, wo die Grenze ist, dass der Charakter des Spiels nicht zerstört wird und der Schiedsrichter genügend Urteilsfähigkeit behält. Da bringt er die langen Unterbrüche und die Millimeter-Entscheidungen im Fussball in die Diskussion. "Die Frage ist immer, wie stark wir das wollen." Sehr oft nützt es gar nichts, zu viel hinzuschauen. Da eine gute Lösung zwischen Aufwand und Ertrag zu finden, ist extrem schwierig. "Ich meine aber, dass das Eishockey dies sehr gut gelöst hat."

Das schönste Erlebnis in der Valascia

Wenn man zu Beginn vom schwierigsten Moment in Ambrì gesprochen hat, soll auch unbedingt das schönste Ereignis in der Valascia erwähnt werden. Es war das Spiel am 23. Dezember 2012 in der Lockout-Saison gegen den EHC Biel. Auf Seiten der Seeländer standen Patrick Kane und Tyler Seguin auf dem Eis. Bei den Leventinern waren es unter anderem Goalie Cory Schneider und Center Matt Duchene. Es war das letzte Spiel der Lockout-Spieler. "Es war ein Hin und Her mit Führungswechseln. Verlängerung. Penaltyschiessen und die haben so tolle Penaltys geschossen und die Torhüter hielten sie. Das war einfach ein so cooles Spiel", kommt Koch ins Schwärmen. Am Ende hat Ambrì mit 5:4 gewonnen. "Dann kam die La Montanara, Bekannte waren da und wir waren vier Zürcher Schiedsrichter und gute Freunde." Dieses Erlebnis sei ein ganz grosses Highlight seiner Laufbahn gewesen.

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