Und wieder verabschiedet sich die Eishockey-Welt von einer Persönlichkeit, welche die Sportart wesentlich und nachhaltig geprägt hat. Im Alter von 94 Jahren verstarb Glenn Hall, der für Konstanz, Durchhaltewillen, Resilienz und mutiges Torhüterspiel stand. Sein Name ist untrennbar mit einer Zahl verbunden, die bis heute ehrfürchtiges Staunen auslöst: 502 aufeinanderfolgende Spiele im Tor. Über sieben Jahre hinweg stand Hall Nacht für Nacht zwischen den Pfosten – ohne die heutigen modernen Trainingsmethoden oder Ausrüstung, ohne Maske, ohne Unterbruch. Diese Serie ist kein blosser Rekord, sondern Ausdruck einer Haltung: Verantwortung übernehmen, dem Team Verlässlichkeit geben, unabhängig von Schmerzen oder Erschöpfung. In einer Ära, in der Wechsel auf der Torhüterposition unüblich waren, wurde Hall zum Sinnbild der absoluten Resilienz. Hall wuchs in der kanadischen Provinz Saskatchewan auf – in einer Zeit, in der Eishockey noch weniger Beruf als Lebensform war. Als er Mitte der 1950er-Jahre den Sprung in die NHL schaffte, betrat er eine Liga, in der Torhüter vor allem eines sein mussten: standhaft. Glenn Hall war standhaft – aber er war auch vorausschauend, beweglich und taktisch seiner Zeit voraus.
Der erste aktive Goalie seiner Generation
Doch seine Bedeutung reicht weit darüber hinaus. Man erinnert sich nicht an Glenn Hall aufgrund seiner Statistiken. Er war vielmehr einer der ersten Torhüter, der systematisch damit begannen aktiv zu verteidigen. Damals gab es noch keinen Butterfly-Stil, sondern man agierte als Goalie in einer Standup-Position. Glenn Hall erkannte als wahrscheinlich erster NHL-Goalie, dass man flache Schüsse besser verteidigen kann, wenn man früh in die Knie geht und dabei ab Brusthöhe die Winkel schloss. Er las, wie später auch Ken Dryden, das Spiel und analysierte die Schussgewohnheiten der Spieler. Hall war ein Meister im Antizipieren und erkannte, welche Spieler welche Abschlüsse bevorzugten. Das sind alles Aspekte, die später zur Grundlage des modernen Torhüterspiels wurden. Was heute selbstverständlich erscheint, war damals revolutionär. Hall spielte also nicht reaktiv wie andere Keeper, sondern vorausdenkend. Er zwang Stürmer, den ersten Move zu machen.
Unvergessen: Drei Stanley-Cup-Finals in Folge mit einem Expansion-Team
Seine erfolgreichste Zeit erlebte er bei den Chicago Blackhawks, mit welchen er 1961 den Stanley Cup gewann. Dreimal erhielt er die Vezina Trophy, dazu kamen mehrere Nominierungen für das All-Star-Team sowie die Auszeichnung als bester Nachwuchsspieler der Liga. Später führte er die St. Louis Blues in deren Anfangsjahren stabil durch die NHL – erneut als Fixpunkt, erneut als Ruhepol. Die Blues erreichten tatsächlich damals in ihren Anfangszeiten dank Hall dreimal den Stanley-Cup-Final. Die Blues erreichten in ihren ersten drei NHL-Jahren (1968–1970) jeweils den Stanley-Cup-Final. Das war eine Sensation! Aber alle drei Finalserien gingen verloren - 1968 gegen Montreal, 1969 erneut gegen Montreal und 1970 gegen Boston. Glenn Hall war in allen drei Finalserien der klare Nummer-1-Torhüter von St. Louis. Sein Name ist in diesem Zusammenhang auch eng mit einem der ikonischsten Bilder und Szenen der Eishockeygeschichte verbunden. Er stand im Tor, als 1970 Bobby Orr seinen berühmten „Flug“ übers Eis zelebrierte beim Overtime-Siegtor in Spiel 4 der Finalserie.
Glenn Hall war kein lauter Mensch. Er suchte nie das Rampenlicht, sprach selten über sich selbst. Gerade diese Zurückhaltung verlieh seiner Präsenz Gewicht. In einer Zeit grosser Persönlichkeiten blieb er sachlich, nüchtern, respektvoll – auf und neben dem Eis. Als er 1975 in die Hockey Hall of Fame aufgenommen wurde, galt dies weniger als Ehrung eines Einzelnen denn als Anerkennung einer ganzen Epoche. Sein Vermächtnis lebt weiter – in Trainingsmethoden, in Spielsystemen, in jeder Generation von Torhütern, die Beweglichkeit und Antizipation über blosses Reaktionsvermögen stellen. Glenn Hall hat gezeigt, dass Torhüter nicht nur reagieren, sondern gestalten können. Damit hat er dem Spiel eine neue Tiefe gegeben.
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